#reingeschaut: Diversity-Buchhandlung kohsie

Sarah Lutzemann von kohsie in Halle (Saale) erzählt im Interview von ihrer Diversity-Buchhandlung, die sie zusammen mit ihrem Mann im April 2021 eröffnete. Was treibt sie an?

12. August 2021 Lesedauer 4 min 0

#reingeschaut

Unter #reingeschaut stellen wir Buchhandlungen an außergewöhnlichen Orten, mit spannenden Konzepten und inspirierenden Persönlichkeiten vor. Kennen Sie Buchhandlungen, die wir in dieser Reihe nicht vergessen dürfen? Wir freuen uns auf Ihre Anregungen in den Kommentaren!

Ich bin Sarah Lutzemann und habe kohsie, die 1. Diversity Buchhandlung in Mitteldeutschland, im April diesen Jahres eröffnet. In meiner Buchhandlung finden sich auf den Regalen ausnahmslos Bücher von weiblichen und diversen Autor*innen aus aller Welt, die mit ihren Inhalten zur Sichtbarmachung und Dekonstruktion von systemischer Unterdrückung wie z.B. Rassismus, Kapitalismus und Patriarchat beitragen. Wir zeigen deutsch- und englischsprachige Geschichten, welche das vielfältige Spektrum von Identität, Identifikation und Wahrnehmung repräsentieren, und nicht nur die weiße cis-heteronormative Sicht auf die Welt. Insofern sind wir auch eine politische Buchhandlung. Wir, das bin ich und mein Mann, der mit mir zusammen das Team von kohsie bildet.

Wir sind auch eine politische Buchhandlung. – Sarah Lutzemann

 

Was lieben Sie besonders als Ihrem Job als Buchhändlerin?

Ich liebe es, die Möglichkeit zu haben aktiv dazu beizutragen, dass die Welt besser für alle wird. Jedes Buch, das wir lesen macht etwas mit uns als Leser*innen, auch wenn es manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Es berührt unsere Art zu denken, unsere Art, auf die Welt zu blicken und unsere Umwelt wahrzunehmen. Als Buchhändlerin kann ich mit der Auswahl der Literatur dazu beitragen, wohin diese Veränderung führt.

Was macht ihre Buchhandlung so außergewöhnlich?

Bei Sachbüchern halten wir so ziemlich alles vor, was weibliche und diverse Autor*innen über die Sichtbarmachung, Verarbeitung und Bewältigung von Diskriminierung veröffentlicht haben und über Libri in irgendeiner Form lieferbar ist. Das Thema Gender hat zur besseren Sichtbarmachung ein eigenes Regalfach.

Inhaltlich achten wir bei Erzählungen darauf, dass cis-heteronormative Storylines keine Mehrheit bilden. Im Kinderbuchbereich finden sich keine Titel, die konstruierte Diskriminierung reproduzieren, wie z.B. Der Struwwelpeter und ähnliche Titel. So schließen wir aber auch Kinderbücher aus, die weiterhin rassistische Sprache reproduzieren. Dafür achten wir darauf, dass in den Geschichten Kinder und Erwachsene verschiedenster Identitäten repräsentiert sind.

Besondere Anerkennung bekommen wir von unseren Kund*innen für die Wohlfühlatmosphäre in unserem Geschäft. Auch wenn unsere Fläche mit 60qm nicht groß ist, haben wir doch eine kleine Leseecke einrichten können, haben Grünpflanzen und frische Blumen und auch die ausgewählte Hintergrundmusik trägt zur Gemütlichkeit im Geschäft bei. Innerhalb der Kategorien sind alle Titel im Spektrum ihrer Buchrückenfarben sortiert und nicht alphabetisch. Deutsche und englischsprachige Titel sind gemeinsam platziert.

Wer gehört zu Ihrer Kundschaft?

Zu unser Kund*innenschaft der ersten Wochen seit der Neueröffnung gehören Menschen, die sich selbst im Spektrum von cis-weiblich und queer-feminin bzw. non-binär sichtbar machen. Sie sind neugierig auf eine literarische Welt hinter der patriarchischen und diskriminierenden Titelfassade und deren sich immer wiederholenden selben Geschichten, in denen ihre eigene Identität nicht repräsentiert ist oder diese nicht wie ihresgleichen anerkennt. Es sind Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse entwickeln wollen und dafür in Büchern nach Inspiration suchen und nicht nach einer fertigen Vorlage.

Was gehört zu jedem Arbeitstag in Ihrer Buchhandlung dazu? Was ist vielleicht anders als in anderen Buchhandlungen?

Die Recherche nach Titeln weiblicher und diverser Autor*innen, deren Werke zu unserem Anspruch passen, nimmt einen wesentlichen Teil unserer Arbeitszeit ein. Denn systemische Diskriminierung ist in der Literaturwirtschaft genauso verwurzelt wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft. Und es ist eine Arbeit an die Werke zu gelangen, die in der Branche nicht auf die „Bühne“ gerufen werden. Darüber hinaus gehört zu jedem Arbeitstag auch den Diskurs anzustoßen. Unsere Kund*innen sind auch immer unsere Diskussionspartner*innen. Wir tauschen uns mit ihnen aus, führen oft Gespräche über etwa über soziale, politische und Themen und deren Wirkung auf die Stadt in der kohsie beheimatet ist. Wir hören zu und nehmen Impulse auf, um sie zu reflektieren und weiterzureichen.

Sarah Lutzemann in Ihrer Diversity-Buchhandlung © David Köster

Was können Sie anderen Buchhändler*innen mitgeben, die sich mit queerer Literatur auseinandersetzen möchten? Wie können diese sich dem Thema nähern und ihr Sortiment dahingehend erweitern?

Ganz einfach, gesteht euch ein, dass ihr die Pflicht habt, die Identität, die geschlechtliche Identifikation und die sexuelle Orientierung jedes Menschen anzuerkennen. Dann recherchiert und informiert euch. Queere Menschen sind nicht eure kostenlosen Lehrer*innen und deren Zeit ist kostbar. Denn sie müssen sich fast jeden Tag unsere Diskriminierung bewältigen. Wenn sie sich also Zeit für euch nehmen, achtet dies und hört ihnen zu. Auf diese Weise findet ihr zu eurer eigenen Antwort auf die Frage wie und durch welche queere Literatur euer Sortiment aufgewertet wird. Für alles andere ist die Community queerer Menschen schon zu weit vorausgegangen und erkennt, wem es nur darum geht im Pride Month Umsätze mitnehmen zu wollen. Hilfreich sind für eine erste Recherche auf Social Media die Hashtags #queerlesen, #queerbookstagram oder auch #diversityinkinderbüchern.

Vielen Dank für das Interview und die Einblicke in Ihre Buchhandlung!

Wer die Diversity-Buchhandlung in Halle (Saale) einmal besuchen möchte, ist hier richtig:

Kohsie Diversity Buchhandlung
Kleine Marktstraße 7
06108 Halle (Saale)
0345/68252993
kohsie.de/


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